Ein Leben im Schoße der Natur – der Wanderer

Schon als kleiner Junge war Dieter der geborene Geschichtenerzähler – denn er war das, was man im Volksmund einen Lausbuben nennt, und oft musste er sich vor den gestrengen Eltern für erboste Nachbarn, ein kaputtes Knie oder etwas just Zerbrochenes verantworten. Er hatte immer eine schwungvolle Ausrede auf den Lippen und nur selten konnten ihm Vater und Mutter danach wirklich böse sein. Und trotz seiner vielen Streiche [mehr...]

war Dieter im Herzen ein guter Junge. Es ging das Gerücht um, dass er die Nachbarskatze aus dem Dorf vertrieben hatte, um die Vögel zu schützen.

Abseits seiner Abenteuer half Dieter seinem Vater in der Bäckerei, rührte Teig an und lieferte die Brötchen aus. Schließlich war er der älteste Sohn von fünf Geschwistern, so war es an ihm, den Familienbetrieb eines Tages fortzuführen.

Er wurde langsam erwachsen – doch nicht bloß durch die zunehmende Verantwortung. Noch etwas änderte sich: Es war ein Sonntag, der seinen Namen voll und ganz verdiente, an dem Dieter gerade wieder mit dem Fahrrad Brötchen auslieferte, als ihm ein Mädchen entgegenkam. Es war Inge, vom Hof der Rischmanns. Ihre Blicke trafen sich und es kam, wie es so viele Geschichten erzählen. Den Eltern des Mädchens war dieses schicksalhafte Zusammentreffen ein Dorn im Auge – sie hatten andere Pläne –, doch darauf pfiff das frisch verliebte Pärchen. Aus heimlichen Treffen wurde mehr und schließlich eine glückliche Familie mit drei Töchtern.

Der väterliche Betrieb lag nun in Dieters Händen und sie konnten gut davon leben. Doch es war auch ein Leben für die Arbeit, viel verlangte die Selbstständigkeit ihnen ab. Als Ausgleich zog es den jungen Mann ständig in die Natur, an den See angeln, in den Wald wandern und auch, um Vögel zu beobachten. Schon bald konnte er alle Vogelstimmen des Waldes imitieren.

Seine besondere Liebe zur Natur gab er auch seinen Kindern mit – und später dann seinen Enkelkindern. Er war ein großartiger Opa, erklärte ihnen die Tiere des Waldes, die Pflanzen und brachte ihnen auch die Vogellaute bei. Er war mit Leib und Seele für seine Familie da. Bis er eines Tages nicht mehr konnte.
Inge pflegte ihn voller Geduld und Aufopferungsbereitschaft. Oft stieß sie dabei an ihre Grenzen, aber sie wusste stets, wofür sie das tat – die Liebe der beiden war ungebrochen. Doch Dieter wusste, dass er irgendwann würde loslassen müssen. An einem Herbstmorgen im Oktober 2013 wachte er nicht mehr auf.


Es war eine ehrenvolle Verabschiedung am Sarg mit Kindern und Enkelkindern. Die Urnenbeisetzung im Friedwald Bispingen fand im kleinen Kreis an seinem Geburtstag statt – es wäre sein 83. gewesen. Es ging mit der Kutsche zum Grab, eine Trompete spielte zum Abschied „S‘ Feierabend“.

(Unsere „Lebensgeschichten“ sind selbstverständlich alle fiktiv und sollen Ihnen einen Eindruck von der Besonderheit eines jeden einzelnen Menschen vermitteln.)